Mail vom 08.08.2020, 11:54 Uhr:  Mein Partner und ich haben zwei Kinder. Unsere „Große“ (4 Jahre) ist schwerst mehrfach behindert und 24h am Tag auf Pflege angewiesen. Einen Teil der Pflege übernimmt ein Pflegedienst. Als im März die Kitas schließen mussten, änderte sich für sie der Tages -Nachtrythmus total. Plötzlich fehlte der Kita-Alltag. Für uns als Familie hieß das, zusammenwohnen mit Pflegepersonal ohne Pause und zwischendrin Homeoffice bzw. zur Arbeit fahren.

Wichtige Arzttermine wurden abgesagt, auf unbestimmte Zeit verschoben bzw. durften erst wieder im Mai, dann aber nur mit einer Begleitperson (ohne Pflegeschwester), stattfinden. Unsere Pflegeschwestern mussten Überstunden arbeiten, weil es nicht genug Personal gab, dabei konnten wir jeden Tag froh sein, wenn wir eine Pflegeschwester bekommen haben. Plötzlich kamen Lockerungen. Die Kita öffnete wieder, aber unter Bedingungen, z.B. dürfen die Eltern die Kinder nur noch an der Tür abgeben, keine Therapien in der Kita. Außerdem hätten die Erzieherinnen jetzt durch die erhöhten Hygienemaßnahmen keine Zeit mehr für heilpädagogische Therapien. Das bedeutet meine Tochter steht seit Mai in der Kita Gruppe nur daneben ohne Förderung. Ihre Therapien wie Physio, Ergo, Logo bekommt Sie erst jetzt seit August wieder, bzw. durch den Sommerurlaub der Therapeuten stark verkürzt/ vereinzelt.
Die Reha meiner Tochter im Mai war völlig ungewiss, das sorgte für immensen Stress für die Familie. Als wir dann doch fahren durften, hieß es Corona Test beider Kinder und nur ohne Grippeinfekt (keine Schniefnasen, kein Husten, auch bei negativem Testergebnis). So ein Rachenabstrich ist nicht schlimm, aber für meine zwei war es mit Würgen, Mundaufdrücken und Weinen verbunden (Die Krankenschwestern haben sich Mühe gegeben, aber mussten den Test durchfrühen weil es Pflicht war, da konnte ich als Mutti nur mitweinen und am Ende ganz viel Trösten)

In der Reha mussten wir Eltern die Pflege 24h selbst stemmen. Alle Mahlzeiten mussten wir irgendwie im Zimmer einnehmen. Spielzimmer, Schwimmbad, Gruppentherapien waren geschlossen. Vor allem unsere „Kleine“ (2 Jahre) konnte nicht verstehen warum sie nicht mehr mit anderen Kindern spielen, warum sie nichts anfassen darf und warum alle Masken tragen, sodass sie nicht mehr erkennt wer spricht, lächelt, böse guckt. Unsere kleine sagt immer noch zu jedem Spielplatz „kaputt“, weil wir ihr das nur so erklären konnten als sich nicht dort spielen durfte. Weil wir Eltern auch wären der Coronazeit arbeiten durften (einerseits Glück, denn die Miete zahlt sich ja nicht alleine, anderseits geschlossene Kitas) mussten wir bei der Betreuung der beiden Mäuse sehr kreativ sein. Wir haben Tanten, Omas, Opas, Freunde stundenweise als Ersatzbetreuuung eingesetzt. Wir sind weniger Stunden arbeiten gegangen, hatten Minusstunden und Krankschreibungen. Wir sorgen uns nicht vor Corona, es gibt weit schlimmere Erkrankungen wir können ja im Winter auch nicht die Kinder einfach in die Wohnung sperren.

Auch unsere Große hat ein gutes Immunsystem, für sie ist es schlimmer isoliert zu sein oder/ und auf ihre lebenswichtigen Therapien zu verzichten. Aber diese Dauerbelastung die einfach auf die Eltern abgewelzt wird und auf Kosten des Zusammenlebens als Familie, die Bindung zwischen Eltern und Kindern geht, ist kaum noch zu ertragen.
Selbst wir, mit schier unendlichem Optimismus und viel Freude am Leben merken, das wir angespannter sind, gereizter reagieren, öfter schimpfen, meckern … Unsere Kinder hören seit Corona so oft „NEIN“ das sie langsam gar nicht mehr wissen was sie dürfen und was nicht. Und es ist einfach auch keine Normalität in Sicht.
Zum Glück haben die Kitas, Spielplätze, Badeseen wieder geöffnet. Und dennoch hören meine Kinder immer wieder wie Menschen, die keine Maske tragen beschimpft werden. Es herrscht stetig die Angst eines positiven Ergebnisses, welches Schließung der Kita, der Arbeit oder bei einem Selbst 14 Tage Isolation bedeutet. Corona wird auf jedenfall einen tiefen bleibenden Einfluss auf unsere Kinder und uns als Familie haben.
Bei allen Anstrengungen und negativen Einschnitten in unser Familienleben muss ich allerdings gestehen, dass Toiletten sowohl in Schulen, Kitas, Zügen, Einkaufszentren sowohl in Ferieneinrichtungen wie Campingplätzen, Gaststätten sehr viel sauberer geworden sind. Zumindest da wo wir leben und uns bewegen kann man getrost wieder Kinder auf eine Toilette setzen bzw. findet Flächendesinfektion vor. Danke dafür.

Ich hoffe ich konnte Ihnen einen kleinen Einblick in unsere Familiensituation mit Corona geben, mit Sicherheit habe ich auch noch viele Punkte vergessen, da es entweder jetzt schon zum Alltag dazugehört oder wir es als negative Nebenerscheinung verdrängt haben. Die Sonne geht jeden Tag überall irgendwann auf, egal ob Corona unseren Alltag bestimmt oder nicht, wir leben weiter: genervt aber auch gestärkt  😀

Liebe Grüße