Mail vom 31.07.2020, 17:43 Uhr:  Liebes  Untersuchungsausschussteam!  Mein Name ist X. Ich arbeite als Elementarpädagogin in einem Kindergarten in Wien und ich verfolge eure Arbeit mit großem Interesse und mit großer Hoffnung. Auch ich leide unter den Maßnahmen und deren Auswirkungen. Ich mache mir viele Gedanken, was diese für unsere Gesellschaft bedeuten. Ich beginne im Herbst die Ausbildung zur Psychotherapeutin (Fachspezifikum) und habe schon den ersten Teil der Ausbildung (Propädeutikum) abgeschlossen.

Ich habe die heutige Sitzung zur Lage der Kinder mitverfolgt. Es hat mich zu tiefst berührt und beschäftigt und ich möchte auf diesen Weg auch meine Erfahrungen aus meiner Arbeit mitteilen.

In Österreich begann der Lockdown am 15.03.2020. Schon in der Woche davor hat man gespürt, dass „Unheil“ im Anrollen ist, zumindest habe ich das so empfunden. Ich arbeite nur 20 Wochenstunden und leiste diese von Montag bis Mittwoch. Am Montag, den 16.02.2020 habe ich wie üblich meinen Dienst angetreten.

Im Kindergarten waren alle Kolleginnen , bis auf eine, die als Risikopatientin von ihrem Arzt freigestellt wurde, anwesend und wir betreuten zu acht drei Kinder. Ab Dienstag waren dann gar keine Kinder mehr anwesend. Ab KW 13 hatte der Kindergarten offiziell geschlossen. Die Leitung und ihre Stellvertreterin machten Journaldienst von 6.30 bis 10.00 und wir anderen hatten Rufbereitschaft und wurden ins „Homeoffice“ geschickt. Wir sollten Fachliteratur lesen und Vorbereitungen schreiben. Nur, Vorbereitungen wozu?

Keiner wußte, wann wir wieder öffnen, keiner wußte, wann wieder Normalbetrieb stattfinden würde. Keiner wusste, ob Abschlussfeste stattfinden dürfen und wie wir künftig arbeiten werden. Ab der Karwoche hatten wir wieder Kinder zu betreuen, allerdings nur sehr wenige, oft auch nur eines. Normalerweise wird im Kindergarten Ostern gefeiert, eine Kollegin macht immer zu Frühlingsbeginn ein Frühlingsfest, der Fotograf hatte sich angesagt und Ausflüge wären geplant gewesen. Natürlich fand all dies nicht statt. Mit Anfang Mai fielen dann die Ausgangsbeschränkungen und wir konnten wieder normal aufmachen. Obwohl „normal“ nicht der richtige Ausdruck dafür ist.

Sammelgruppen (in den Randzeiten werden alle Kinder in einer Gruppe betreut) waren verboten, was dazu führte, dass drei bis vier Kolleginnen ab 6.30 oder 7.00 Dienst machen mussten und dann jeweils ein Kind betreuten. Normalerweise macht eine Pädagogin mit einer Assistentin Frühdienst und es gibt eine Sammelgruppe von 6.30 bis 8.00, erst dann gehen die Kinder in ihre Gruppen. Die Eltern mussten genau angeben (müssen es immer noch), wann sie ihr Kind bringen und wann sie es wieder abholen. Es wurde ihnen auch deutlich gemacht, dass sie ihre Kinder nur so kurz wie möglich bringen sollten und sie bekamen Schelte von Kolleginnen, wenn sie ihr Kind länger brachten, als unbedingt notwendig.

Die Bring- und Abholsituation sieht bis heute folgendermaßen aus: Eltern dürfen das Gebäude nicht betreten. Die Kinder müssen vor der Tür übergeben werden. Das bringt uns als Pädagogen in eine gewisse Zwangslage, denn, um die Kinder an der Tür abzuholen, müssen wir die Kinder im Gruppenraum alleine lassen. Diese Aufsichtspflichtverletzung ist plötzlich erlaubt, denn, besonders jetzt in der Urlaubszeit, sieht die personelle Situation nicht sehr rosig aus. Zum Teil sind wir mit zwanzig Kindern allein (das ist aber in Österreich auch sonst Standard, leider). Vor der Tür spielten sich Dramen ab, denn, denn manche Kinder konnten sich oft nur schwer von den Eltern trennen.

Andererseits habe ich beobachtet mit welcher Freude die Kinder wieder in den Kindergarten kamen, denn endlich konnten sie wieder ihre Freunde sehen und mit ihnen spielen. Nachdem auch die Spielplätze sieben Wochen gesperrt waren, genossen die Kinder auch das Spielen im Garten. Einige meiner Kolleginnen sind auf das Corona Programm aufgesprungen und es wurde in Liedern und Geschichten die neuen Regeln eingeübt.

Wir als Mitarbeiter mussten Hygienerichtlinien unterschreiben, die uns vorschreiben, wann und wie oft wir uns die Hände zu waschen haben. Gott sei Dank haben wir keine Maskenpflicht. In Österreich sind die Kindergärten Bundesländersache, anders als die Schulen, die vom Bund geregelt sind und wo viel strengere Regeln galten. Kindergärten waren sich selbst überlassen, weil sich irgendwie niemand zuständig fühlte, was dazu führte, dass jeder Betreiber nach seinen eigenen Regeln spielte.

Bei uns wurde natürlich auch überall Abstand propagiert und die Eltern vor der Türe stehen gelassen. Was dazu führte, dass die Kommunikation zwischen Pädagoginnen und Eltern zum Erliegen kam. Man ist schon froh, wenn man die notwendigste Informationen wie „wir brauchen wieder Windeln“ loswerden kann.

Ich habe das Glück, eine sehr menschliche und kritische Leiterin zu haben, die zwar die, vom Betreiber verordneten Aushänge aufhängt aber ansonsten sehr gelassen mit der Situation umgeht.

In der Kleinkindergruppe(0-3 Jahre) wurden im Mai zwei einjährige Kinder eingewöhnt. Die Eltern durften den Kindergarten natürlich betreten und auch mit ihren Kindern in die Gruppe- mit Maske. Auch Besichtigungen mit zukünftigen Familien fanden und finden mit Maske statt. Zu Beginn haben viele Eltern ihre Kinder mit Maske gebracht und geholt.

Ich sehe mich immer wieder in einer Zwangslage. Manche Kinder, vor allem die älteren, thematisieren manchmal das Thema „Corona“. Meist nur am Rande, und die Beschäftigung damit wird weniger. Ich tue mir sehr schwer damit, die richtigen Antworten zu finden, denn manche Kinder bekommen von zu Hause viel Corona Hysterie mit. Ich möchte mich nicht zwischen diese Kinder und ihre Eltern stellen, kann aber auch nicht zustimmen, wenn mir ein Kind vom bösen Coronavirus erzählt oder gar Angst hat. Ich versuche in solchen Situationen so diplomatisch wie möglich den Kindern die Angst zu nehmen.

Einige meiner Kolleginnen haben auch ganze Arbeit geleistet was Hygieneregeln betrifft und manche Kinder sind schon sehr gut konditioniert darauf. Gott sei Dank ist das natürliche menschliche Bedürfnis nach Nähe stärker.

Eine Kollegin arbeitet seit der „Wiedereröffnung“ im Mai mit Handschuhen und hält die Kinder sehr auf Abstand. Es gab eine Fortbildung für Pädagogen mit einer Virologin des AKH, die Vorschläge brachte, wie Kinder, die weinen getröstet werden können, damit es nicht zu gefährlich ist. Ich habe diese Fortbildung nicht gemacht, sondern mir von zwei Kolleginnen davon erzählen lassen. Wir bekamen auch Order, dass die Spielsachen täglich zu desinfizieren sind. Erst auf meinen Einwand hin, dass wir doch nicht mit Flächendesinfektionsmittel Spielsachen desinfizieren können, die die Kinder dann wieder in den Mund nehmen, wurde davon Abstand genommen. Jetzt reicht Abwaschen mit Seife.

Seit Mai versuche ich nun, meinen Dienst so gut ich kann und nach besten Wissen und Gewissen so zu verrichten. Ich versuche den Kindern das zu geben, wovon ich glaube, dass sie brauchen: Nähe, Kommunikation, Gesicht und Normalität. Ich versuche in der Zeit in der ich mit den Kindern zusammen bin, ihnen und mir eine schöne Zeit zu machen, Lebensfreude zu vermitteln (was schwer ist für mich, da die Stimmung sehr bedrückend ist) und die Psyche der Kinder zu stärken.

Diese Zeit hat mich viel über Selbstbestimmung gelehrt und ich versuche, die Kinder (noch mehr und bewusster) auf ihre Rechte, ihre Bedürfnisse und ihre Gefühle zu sensibilisieren. Vor allem versuche ich, Selbstbewußtsein und Nähe zu vermitteln. Letztere lasse ich bewusst zu. Ich sehe an den Kindern, was unsere grundmenschlichen Bedürfnisse sind und wie diese jetzt verletzt werden. Kommunikation geht nur mit Gesicht. Empathie geht nur mit Gesicht. Diese furchtbaren Masken verhindern das. Kinder, die meine Aufmerksamkeit wollen, weil sie mir etwas erzählen wollen, nehmen oft mein Gesicht und drehen es zu sich, sodass ich sie anschauen muss. Wir brauchen alle Nähe. Den Handschlag hat man allen Kindern erfolgreich abtrainiert. Jetzt verabschieden sich manche Kinder von mir mit einer Umarmung. Ich merke, dass das Bedürfnis nach körperlicher Nähe sehr groß ist, mehr noch als sonst. Und ich komme dem nach.

Letzte  Woche habe ich folgende Szene beobachtet: die Kinder stellen sich vor dem Waschraum zum Händewaschen an. Ein Mädchen spielt die Pädagogin und rennt zwischen den Kindern herum und schreit „Abstand, Abstand!“ Die Kinder finden das Spiel lustig und rutschen eng zusammen, sodass die „Pädagogin“ viel schimpfen muss. Da fragt mich ein knapp 4jähriger Junge : „Martina, warum eigentlich Abstand?“ Jetzt wusste ich keine griffige Antwort. Da ist mir rausgerutscht: „Das weiß ich auch nicht!“ Der Junge begann zu lachen und wir haben gemeinsam gelacht.

Aber ich habe mir gedacht, ich kann nicht gegen meine Überzeugung handeln. Ich finde die Maßnahmen, wie Abstandsregel, Masken, Panikmache…abscheulich und menschenverachtend, ich kann das nicht weitergeben!

Vielen Dank für Eure Arbeit! Vielen Dank für die aufschlussreichen Gespräche heute zur Lage der Kinder, sie sprechen mir aus der Seele und bestätigen meine Beobachtungen und Überlegungen. Dieser Ausschuss gibt mir wirklich große Hoffnung, denn ich erlebe so viel Hilflosigkeit und oft auch Verzweiflung bei mir selbst, dass es fast über meine Kräfte geht! Danke!!!

 

PS.: Meine Schwester und ich schreiben seit Beginn der Krise Briefe an unsere Politiker und versuchen, zu schildern, wie es uns mit den Maßnahmen geht und was wir beobachten. Und wir fordern Aufklärung! Meine Schwester ist selbstständig und wurde zwei Monate mit  Berufsverbot belegt, da sie als Sprachlehrerin für Schwedisch und als Lauftrainerin arbeitet. Bis heute hat sie von der Österreichischen Regierung 500 Euro bekommen. Ihr Antrag zum Härtefallfond wurde in Phase zwei bis jetzt zwei Mal abgelehnt!