Mail vom 01.08.2020, 09:32 Uhr:

Liebes Corona-Ausschuss Team, ich habe gestern Abend den ersten Teil der Sitzung über die Kinder gesehen und hatte das Bedürfnis ein paar Dinge zu ergänzen.

So etwas habe ich noch NIE gemacht 😉. Vielleicht doppeln sich meine Schilderungen auch, denn ich habe nicht alles angesehen. Zunächst: Die Schilderungen der Kinderpsychologin Frau Sternbeck stimmen alle genau so und ich war nach inzwischen 5 Wochen Sommerferien (in NRW) aufs neue entsetzt von der realen Lage der Kinder in den Schulen und ihrem Umfeld.
Diese und viele weitere Erlebnisse haben wir täglich mit den Schulkindern (Brennpunkt in einer Großstadt) und unseren Kindern zu Hause („behütete“ Dorfkinder mit kritischem Umfeld) erlebt. Die Ängste, die Unsicherheiten und letztendlich die erschreckende, unhinterfragte Anpassungsfähigkeit an die ‚neue Normalität‘.

Zur Lage der Lehrer:

Auch wir Lehrer sind, genau wie die Ärzte und Kinderpsychologen, gespalten in unseren Ansichten und Ängsten. Uns wurde mit den Schulschließungen zudem die Plattform genommen uns in kompletter Runde systematisch über die Situation, die Lage der Kinder und unsere Einstellung und Herangehensweisen und letztendlich den Umgang mit den Kindern, auszutauschen.
Wir sind, wie das durch die Blume in dem Interview vielleicht herübergekommen sein mag, NICHT durch die Regierung oder Schulministerien aufgefordert worden ‚Panik zu verbreiten‘. Unsere Aufgabe war es die Maßnahmen umzusetzen, der Umgang mit den Ängsten wurde von ganz oben nicht kommuniziert. Der Schulpsychologische Dienst und unsere Sozialarbeiter hingegen haben sich im positiven Sinne im Laufe der Zeit viele Gedanken gemacht und gute Tipps zur Aufarbeitung der Coronathematik ins Netz gestellt, die wir an unserer Schule auch zum Teil aufgegriffen haben.
Auch das Jugendamt und ihre Mitarbeiter unserer Stadt haben im Rahmen ihrer Möglichkeiten einiges bewegt und noch das ein oder andere Kind zumindest aus den Familien in die Notbetreuung geholt o.ä.. Wer Unterstützung nicht gesucht hat, wird sie aber auch nicht gefunden haben. Eine proaktive Unterstützung durch Psychologen gab es nicht.

Wie wir in den einzelnen Gesprächen mit den Klassen auf die Thematik eingehen, wurde nie, noch nicht einmal in schulinterner Runde ausführlich thematisiert. Es sah eher so aus, dass es in der Schließungs- und Notbetreuungsphase, ein vorsichtiges Herantasten an die Kollegen und ihre Einstellung gab und danach einen mehr oder weniger offenen Austausch über die Situation und auch den Umgang mit den Kindern. Wir sind als Lehrer nicht gut genug geschult um die Reaktionen der Kinder richtig einzusortieren. So haben die meisten Kollegen die sehr angepasste Reaktion der Schüler als Erfolg verbucht und waren erleichtert, dass es so einfach sei, die Maßnahmen (inklusive Gänsemarsch in 1,5 Meter Abstand, Maskentragen, Händewaschen…) umzusetzen. Es war z.B. mir nur in Einzelgesprächen möglich, meine Kollegen darauf hinzuweisen, dass uns die Kinder mit halbwegs gesunden Elternhaus NICHT in der Schule zusammenbrechen werden, sondern zu Hause das ganze Entsetzen über die neuen Regeln herauslassen werden. Was meine eigenen Erfahrungen als Mama auch bestätigte. Meine Kinder wollten nicht auffallen, trauten sich noch nicht einmal zu niesen, aus Angst, dann in den Quarantäneraum zu kommen und weinten zu Hause über ihre Erlebnisse.

Zu meinem Dilemma: Ich habe von Anfang an die Dinge kritisch hinterfragt und war immer wieder fassungslos und entsetzt über die Maßnahmen, die wir als Lehrer umsetzen mussten. Wir stehen letztendlich als letzte Instanz einer Kette von Entscheidungen und Handlungsanweisungen vor den Kindern und müssen damit umgehen. Ich weiß nicht ob es irgendeine Schule gab, die sich dagegen aufgelehnt hat. Meine Schulleitung dagegen war in heller Panik, dass sie dem Schulamt nicht alles recht macht, das Schulamt vermutlich der Landesregierung gegenüber usw. im Prinzip aus Angst letztendlich mit Negativschlagzeilen in der Zeitung zu stehen oder mit einem Fuß im Gefängnis, falls eine Ansteckung stattfindet, die ‚hätte verhindert werden können‘. Ich als kleine Lehrerin mit meinen Viertklässlern in den letzten Grundschulwochen war kurz davor das Handtuch zu werfen und Stellung zu beziehen und zu sagen ‚ich mach das alles nicht mit‘. Doch letztendlich wäre den Kids dann auch noch ihre Lehrerin weggebrochen, mit der sie offen reden können. So bin ich geblieben, habe viel Aufklärungsarbeit mit den Kindern geleistet, viel über Sinn und Unsinn der Maßnahmen mit ihnen gesprochen und versucht ihnen eine möglichst gute Zeit zu schenken. Wenn wir Lehrer nicht alle zusammen aufstehen, was wir nicht machen, wird es keine Veränderung geben und wir werden weiter brav diese Maßnahmen akzeptieren (müssen).

Eine Ergänzung zur Lage der Kinder:

Nach meinen Beobachtungen gab es eine weitere Welle des Entsetzens, der Traumatisierung, was auch immer… als die Kinder sich in der Schule wiedersahen. Sie waren wochenlang in ihrer Welt der sozialen Isolierung gefangen und hatten gelernt damit irgendwie zu leben. Jetzt kamen sie in die Schule zurück und vor allem die Kinder, die noch nicht einmal mit zum Einkaufen gehen durften und keinerlei sozialen Kontakte hatten, waren schockiert, als sie hörten, dass andere Familien mit der Situation lockerer umgegangen waren und sich durchaus im Wald oder in den Wohnungen mit ihrer Familie und ihren Freunden treffen durften. Ihre Vorstellung, dass es wenigstens allen anderen genauso ging, brach zusammen und ich weiß nicht, wie sie mit diesem Wissen weiter umgegangen sind. Die Kinder müssen also nicht nur mit ihrer eigenen Lage umgehen, sondern auch erkennen, dass die Erwachsenen nicht verlässlich sind, keine geschlossene Meinung haben. Meine Tochter kam völlig schockiert nach Hause, weil viele Kinder in ihrer Klasse erzählten: „Meine Mama sagt Corona ist nur Fake“. Diese extreme Sichtweise kannte sie bisher nicht. Zudem hat ihre Lehrerin das Gespräch nach einer Weile unterbunden mit den Worten, sie würde nicht wollen, dass weiter Lügen verbreitet werden. Wie soll ein 7-jähriges Kind damit umgehen?

Meine eigenen Kinder haben übrigens durchaus vieles hinterfragt und meine kleine Tochter hat Dinge gesagt wie: Ich verstehe das nicht Mama, warum dürfen wir niemanden treffen? Wir werden doch nicht krank. Warum passen die nicht einfach nur darauf auf, dass die alten Leute geschützt werden? ….. Cleveres Mädchen und trotzdem musste auch sie die Sorge erst wieder verlieren, dass sie die eigenen Großeltern anstecken könnte.

Ich weiß nicht, ob Ihnen dies noch ein wenig weiterhilft oder Sie überhaupt Zeit haben es zu lesen 😉. Ich danke Ihnen auf jeden Fall für ihren großartigen Einsatz und wünsche Ihnen und uns allen von Herzen, dass Sie letztendlich etwas bewegen können.

Herzliche Grüße