Mail vom 30.07.2020, 18:28 Uhr:

Ich habe eine Praxis für Ergotherapie und Sprachtherapie mit Kassenzulassung. Es gibt mehrere MitarbeiterInnen. Pro Woche werden etwa 100 Kinder behandelt, sie kommen regelmäßig 1-2x wöchentlich. Ich selbst bin sprachtherapeutisch tätig.

Aufgrund des Aufrufs schreibe ich hier kurz einiges, was ich erlebt habe (und immer noch erlebe):

Mehrere Kinder haben ein bisschen oder viel zugenommen. Dies betrifft Kinder von Nichtakademikern.

Kinder von Eltern mit Haus und Garten ging es deutlich besser, sie sind teilweise gut gebräunt und sogar entspannter als in Kindergartenzeiten.

Waschzwang bei einem Kind, Haut der Hände sehr spröde bis blutig, schmerzt.

Ein Vorschulkind trug die Maske über Wochen auch in der Logopädie, wollte sie nicht abnehmen. Erst nach einer halben Stunde, nachdem sie ihn deutlich störte und ich ihn behutsam nochmal nachfragte, nahm er sie ab. Die Mutter hatte ihm durchaus erlaubt, die Maske bei mir abzunehmen.

Schulkinder kommen mit Maske in die Praxis, obwohl sie wissen, dass sie die bei uns nicht tragen müssen. Sie legen die Maske erst im Therapieraum ab, wenn sie am Tisch sitzen. Wenn wir das Zimmer verlassen, um etwas aus einem anderen Raum zu holen, haben sie sie ruckzuck wieder angelegt. Die Therapeutinnen tragen hier in der Regel keine Maske! Dennoch tun die Schulkinder das.

In einem Kindergarten (ich war persönlich dort, kein Hörensagen) waren alle Erziehrinnen ganztägig durchgehend vor den Kindern maskiert. Die Leiterin sagte dazu, dass sei gesetzlich nicht vorgeschrieben, der Träger habe das so entschieden.

Episode: Ein 6-jähriges Kind sieht in der Sprachtherapie eine Laterne auf einem Bild und fängt laut an zu singen, das ganze Laterne-Lied, mehrere Durchgänge, ich singe laut mit. Plötzlich bricht es ab, macht ein Schreckgeräusch „….Im Kindergarten dürfen wir nicht singen.“ Ich: „Achja…? Naja, hier darfst du singen.“ Wir singen noch mehrere Male. Danach frage ich: „Warum dürft ihr im Kindergarten nicht singen?“ Kind überlegt und antwortet: „Weil wir dann Corona ausspucken.“  Ich überlege und antworte: „Weißt du…mach dir keine Sorgen. Du hast kein Corona.“

Episode: Ich arbeite in einer Einrichtung als Honorarkraft, wo ich einen MNS (Tuch) beim Verlassen des Therapieraums tragen musste. Ein 5-jähriges Kind sieht mich erstmals im Flur mit Tuch im Gesicht und fängt hysterisch an zu kichern, ich muss es beruhigen. Später verlassen wir den Therapieraum (dort drinnen war ich ohne MNS), also muss ich das Tuch wieder hochziehen. Das Kind schaut mich entsetzt an und sagt „Nein!…weg…weg!“
Kinder äußern sich dazu, wenn man ihnen den Raum lässt.

 

Viele meiner Kollegen in anderen Praxen und Frühförderstellen sind sehr ängstlich gewesen, sind es vielleicht teilweise immer noch, und haben mit MNS therapiert, auch kleine Kinder unter 4 Jahren. Die Kinder waren also über Monate ängstlichen TherapeutInnen mit bedeckten Gesichtern ausgesetzt. Wie soll ein Kind da Vertrauen haben, wie soll es genug Sicherheit haben, um etwas lernen zu können? Ganz abgesehen davon, dass Kindern mit Sprachverständnis- und Wahrnehmungsschwierigkeiten auf die Mimik dringend angewiesen sind. Gleichzeitig habe ich kein Gesetz finden können, in dem das Tragen eines MNS zwingend vorgeschrieben wurde.  Im Gegenteil, in der Handreichung zu Infektionsschutz- und Hygienemaßnahmen bei schrittweise Wiederaufnahme von Frühförderleistungen vom Bayerischen Stattsministerium für Familie, Arbeit und Soziales vom 08.05.2020 steht z.B.

„In Situationen, in denen es nicht möglich ist, den Abstand von mindestens 1,5 m einzuhalten, kann das Tragen einerMund-Nasen-Bedeckung zur Infektionsprävention wirksam sein“

oder „Die natürlichen Verhaltensweisen von Kindern in diesem Altersbereich ebenso wie von Kindern mit Entwicklungs-und Verhaltensproblemen und Behinderungen setzen den Kontaktbeschränkungen und Infektionsschutzmaßnahmen Grenzen.“

 

Mit couragierten Grüßen

Eine unmaskierte Praxisinhaberin aus B.