Mail vom 31.07.2020, 17:55 Uhr:  Sehr geehrte Damen und Herren,  vielen Dank für Ihre Arbeit, die mir viel Zuversicht und Hoffnung gibt. Die heutige 6. Sitzung habe ich mit Spannung erwartet, weil ich mich seit Anbeginn um die Kinder sorge (ich bin Lehrerin) und in dem ständigen Konflikt stehe, auch handeln zu wollen. Den Ausführungen von Frau Romdhani kann ich nur zustimmen. Auch ich fühlte und fühle mich in meiner Berliner Grundschule als Ausgegrenzte, weil ich seit Anfang an Fragen stellte und an den gesunden menschlichen Verstand appellierte. Von da an spalteten sich die Lager!

Einige meiner KollegInnen stehen klar hinter der Linie der Regierung (sie haben sichtlich Angst und argumentieren stark national), andere wenige nehmen die Dinge mit einem „Na ja, geht wieder vorbei!“, unsere Schulleiterin scheint in der Optimierung des Hygieneplans ihre Aufgabe gefunden zu haben. Und viele schweigen einfach! Das macht mich sprachlos!!

Es war während/nach dem Lockdown bis zu den Sommerferien sehr schwer, mit Kollegen in ein ernsthaftes Gespräch zu kommen. Gleichgesinnte, die etwas gegen die Maßnahmen und zum Schutz unserer Schüler unternehmen wollen, fand ich bis heute nicht.

Manche Tage saß ich weinend auf meinem Fahrrad, wenn ich nach Hause fuhr, weil die Situation (Kästchen auf dem Schulhof, Laufen in der Schule nur in eine Richtung, Abstandhalten etc.) für mich unerträglich ist.
Das entmutigte mich so sehr, dass ich mit Beginn der Ferien nervlich an einem seidenen Faden hing.

Zur schulischen Situation ein paar Worte:

Wir sind eine sogenannte Brennpunktschule (98% Kinder nichtdeutscher Herkunft), was  bei uns bedeutet, dass ein Großteil der Kinder aus rumänischen Familien (ehemalige Sinti und Roma) stammt. Bildungsfern und die meisten Eltern der deutschen Sprache kaum mächtig nehmen sie alle Informationen pur auf. Wie immer, so lief auch im Lockdown ganztägig der Fernseher. Die Familien lebten über die Zeit der Schulschließung sehr beengt teilweise mit bis zu 10 Personen in einer Wohnung.

So kamen meine 6. Klässler im Mai/Juni wieder zur Schule: verstört, mit vielen Fragen, immer in Angst…

Das wirklich Unglaubliche folgte aber wenig später, als das Gesundheitsamt begann, alle rumänischen „Häuser“ zu testen.  Wir erhielten vom Schulrat Neukölln eine interne Mail mit der Information, dass das Gesundheitsamt auf Grund von positiven Tests vorsorglich alle Familien/ 4 Mietshäuser in Quarantäne schicken würde.

Ich wandte mich in einer Mail an unseren Schulrat, teilte ihm mit, dass ich mir Sorgen mache um die Grundrechte, fragte nach, auf welcher Grundlage man die Menschen ihrer Freiheit beraube (vorsorglich wurde ja die Quarantäne verhängt) usw.

Ich erhielt zur Antwort, dass das nicht seine, sondern die Entscheidung des Gesundheitsamtes sei und dass er meine Schulleiterin in seiner Antwort an mich in cc setze. Wenn das keine Ansage ist: Schweigen Sie besser!

Auch an den Chef des Bezirksamtes Herrn Liecke schrieb ich, weil er auf die Situation befragt in der (online) BILD mit folgendem Satz zitiert wurde: Die Situation habe damit nun eine neue Qualität im Bezirk erreicht.

Auch von dort nur abgeschmettert: Ich solle seinem Amtsarzt und Gesundheitsamt vertrauen. Aber die Gefahr für alle würde es rechtfertigen. Die genutzten Testverfahren seien zuverlässig.

Nun hoffe ich sehr auf Erfolg Ihrer Arbeit!

Mit freundlichen und dankbaren Grüßen